Ausnahmsweise geht es mal nicht um Spielzeug, denn ich denke, je mehr Protest es gibt, umso größer ist die Chance, dass er etwas bewirkt.
Wie sicher jeder mittlerweile gelesen hat, will die Telekom die Flatrates drosseln, DSL 16.000 z. B. auf ein Datenvolumen von 75 GB im Monat - danach wird auf Schneckentempo umgeschaltet oder es werden Zusatzgebühren fällig.
Als Begründung führt die Telekom an, Vielsurfer würden durch Gelegenheitssurfer subventioniert.
Als Telekom-Kunde der ersten Stunde, der seit Datex P dabei ist (dem Vorgänger! von BTX) empfinde ich diesen Schritt unverschämt.
Ja, ich habe jahrzehntelang Volumentarife gehabt, weil es keine Flat gab und da wurden auch schon mal 600,- DM für einen Monat fällig - aber da gab es auch noch kein DSL und die Übertragungstechniken waren völlig andere.
Was bitte ist heute ein Gelegenheitssurfer und was ein Vielsurfer? Und wie weit kommt man mit 75 GB?
Das Problem ist doch, dass mittlerweile jede Webseite mit Fotos/Videos und Werbebannern vollgestopft ist, so dass selbst die Startseite von beispielsweise www.bild.de fast 4 MB schluckt, wenn man sie einmal aufruft.
Liest nun jemand, so wie ich, täglich 4 Zeitungen online - und das mehrmals am Tag - kommen da locker 500 MB bis 1 GB pro Tag zusammen, habe es gerade mal 3 Stunden getestet. Macht also schon mal 30 GB pro Monat aus - ohne irgendwelche Downloads, Videos, Musik und Mailverkehr. Und das bei einem Nutzer am Anschluss!
Gehe ich also davon aus, dass ich ab und an eine Sendung, die ich verpasst habe, in der Mediathek schaue, regelmäßig meine Windows- und Programmupdates aus dem Netz beziehe (da sind teilweise auch schon mal 750 MB Update fällig, Danke Adobe!) und auch noch Mails mit Anhängen versende/empfange, wird es schon verdammt eng. Ach ja, ich spiele auch 1-2 Stunden täglich online und natürlich habe ich auch ein paar Webseiten, auf die ich Inhalte hochlade.
Peng! Die 75 GB sind erreicht!
Bin ich jetzt ein Vielsurfer?????
Ich lade keine Fotos hoch/runter (außer für die Websites und die sind entsprechend kleingerechnet), schaue mir keine Spielfilme als Stream an und höre keine Musik im Web oder lade sie herunter. Dennoch würde ich mit 75 GB schon sehr aufpassen müssen (ich kann ja die Windows- und Viren-Updates abschalten).
Jetzt sind aber Frau und Tochter auch im Web unterwegs - und schon ist Sense mit den 75 GB.
O. k., ich könnte ja auf einen schnelleren DSL-Anschluss wechseln, hatte erst gestern wieder eine Werbemail der Telekom für VDSL im Maileingang.
Aber: VDSL ist hier gar nicht machbar!!!! Bei 16.000 ist Schluss und davon kommen nur 12.000 an.
Die Telekom führt nun an, dass sie in den kommenden Jahren 80 Mrd. in den Netzausbau stecken müsste, das sei mit ein Grund für die Drosselung.
Dieses Argument halte ich in mehrfacher Hinsicht für fadenscheinig:
Das Surfvolumen hat wohl relativ geringen Einfluss darauf, dass das Netz ausgebaut werden muss, weil nämlich viele Regionen immer noch hinterherhinken. Da wird also nicht viel gesurft, sondern im Schneckentempo und das soll anders werden. Unsere Wohngegend ist z. B. ein Neubaugebiet, das vor 6 Jahren erschlossen wurde - alles ist da, nur kein VDSL und kein Kabel. Wir hängen alle an einem DSLAM in einem Altbaugebiet nebenan, der entsprechend weit weg und überlastet ist (deshalb kommen ja auch nur 12.000 von den 16.000 an - Stichwort Dämpfung).
Der Netzausbau soll in Wahrheit erfolgen, damit die Telekom ihr Entertain-Paket besser vermarkten kann und - das weiß ich von einem Telekomtechniker - weil mittelfristig nur noch Voice over IP (VoIP) angeboten werden soll (weil sich das für die Telekom besser rechnet).
Die Investitionen sind also nicht nötig, weil so viel gesurft wird, sondern damit man 2 Produkte an den Mann bringen und irgendwann den analogen und ISDN-Anschluss kappen kann.
Im Klartext: Die Telekom erhöht durch die Drosselung die DSL-Preise (entweder man zahlt Aufpreis oder wechselt, wenn denn möglich, in einen schnelleren Tarif mit mehr Volumen), um damit ihre notwendigen Investitionen ins Netz zu finanzieren, die notwendig sind, um auf VoIP umzusteigen und sich mit Entertain ein größeres Stück vom TV-Kuchen abschneiden zu können.
Das ist in etwas so, als würde mein Bäcker morgen die Brotpreise um x% erhöhen, weil er beabsichtigt, sich in naher Zukunft einen neuen Backofen zu kaufen, mit dem er dann mehr Brot in kürzerer Zeit backen kann.
In meinen Augen ein Unding.
Hinzu kommt für mich noch ein weiterer Aspekt: Der beabsichtigte Umstieg vom Festnetz auf VoIP (sofern der Techniker mir da wirklich die Wahrheit erzählt hat) würde alle Menschen, die bis heute überhaupt noch kein Internet haben (z. B. meine Schwiegermutter, die 76 Jahre alt ist und immer noch analog telefoniert) dazu zwingen, auf DSL umzusteigen und sich die entsprechende VoIP-taugliche Technik anzuschaffen.
Da wüsste ich doch gerne, ob das früher staatliche Unternehmen Telekom das einfach machen darf, schließlich sollte es so etwas wie Bestandsschutz geben - da ist auch die Politik gefragt!
Nicht zu vergessen: Über VoIP/DSL kann man nicht faxen - aber natürlich bietet die Telekom einen kostenpflichtigen (!!) Service an, um dieses Problem zu umgehen.
Alles in allem also Geldschneiderei unter dem Mantel des Fortschritts auf dem Rücken der Kunden.
Sollte die Telekom für Bestandskunden irgendwann eine DSL-Drosselung einführen, bin ich nach mehr als 30 Jahren sofort da weg.
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